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Sozio-ökonomische Bedeutung des Konsums in der Türkei nach 1980

Autor/in Kemal Cetin
Art der Arbeit Diplomarbeit
Abgabe Mai 1998
Seiten 92 Seiten, 647,9 KB
Hochschule / Bildungseinrichtung Wirtschaftsuniversität Wien Österreich
Note

Inhaltsangabe

Einleitung:

In vielen Ländern der Welt, erzählen die Professoren an den Universitäten, bei der Einführung zur Wirtschaftswissenschaft folgende Geschichte:

Nach einem Schiffsunglück landen ein Chemiker, eine Physiker und ein Ökonom auf einer verlassenen Insel. Sie haben dabei das Glück, vom sinkenden Schiff ein paar Konservendosen ergattert zu haben. Nach einer Weile beginnt ihnen langsam der Magen zu knurren, und sie merken, dass sie nichts dabei haben, um die Konservendose zu öffnen. Daraufhin beginnen diese drei Wissenschaftler sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie sie am besten und schnellsten die Konservendose öffnen können:

Der Chemiker kam auf die Idee, die Dosen zu erhitzen, denn damit würden die Dosen zerbersten und sie könnten deren Inhalt wieder sammeln und sich damit den Hunger stillen. Der Physiker meinte, man solle die Dosen gegen die Felsen werfen. Das letzte Wort überließen sie dem Wirtschaftswissenschaftler, der auf Beschwichtigung aus war, und sagte: "Beruhigen wir uns, nehmen wir an, uns steht ein Dosenöffner zu Verfügung.".

Die Wirtschaftswissenschaftler haben lange Zeit ihre Theorien auf der Annahme aufgebaut, ihnen stehe ein Dosenöffner zur Verfügung. Es wäre falsch zu behaupten, sie wären sich der Tatsache nicht bewusst, dass zwischen ihren aufgestellten Theorien und der gelebten, praktischen Wirklichkeit große Unterschiede bestehen. Aber diese Diskrepanz stellte für sie kein Hindernis bei ihrer Arbeit dar, sie versuchen diesen Unterschied als einen Bestandteil des Ganzen, im Rahmen der methodischen Diskussion zu erfassen. Wann immer es zur Krise in der Ökonomie kam (globale Krisen in der Weltwirtschaft bzw. Krisen in der Disziplin "Wirtschaftswissenschaft"), wurden sie sich der Tatsache bewusst, dass ihnen ein "Dosenöffner" fehlt.

In Krisenzeiten merken wir, dass die "Wirtschaftswissenschaft" nicht nur als abstrakter Begriff zu werten ist, sondern vielmehr einen Lösungsansatz für die Lösung der Probleme im Geflecht "Individuum - Ökonomie - Gesellschaft" bietet.

Wenn wir an diesen Punkt gelangt sind, behandeln wir die Ökonomie nicht mehr nur als "wirtschaftliches Wissen" sondern als eine Betrachtungsweise der komplexen Beziehung von "Individuum, Wirtschaft und Gesellschaft". Das heißt, der "Dosenöffner" bezieht sich vielmehr auf die Verhaltensweisen der Menschen und auf die Ergebnisse, zu denen diese Verhaltensweisen führen. Die Diskussionen bezüglich der „Öffnung der Konservendose“ gehören zum wesentlichen Bestandteil, zu jenem den das Menschenverständnis geformt hat. Zum Wissen über das "Wirtschaftsverhalten" der Menschen (d.h. zum Wissen, das darauf zurückzuführen ist, dass der Konsum nur aus "wirtschaftswissenschaftlicher" Sichtweise betrachtet wird), gelangen wir über die Betrachtung der Thesen, die zur Formung der Weltanschauung des Wirtschaftswissenschaftlers führen.

Bei der Analyse eines jeden Zeitabschnittes der Geschichte, wird man erkennen dass eine Beziehung besteht, zwischen der Weltanschauung der Vertreter einer Disziplin und den zu dieser Zeit vorherrschenden Überzeugungen, Vorlieben und Ängsten der Menschen, die von dieser Disziplin näher betrachtet werden.

Diese Beziehung in den Sozialwissenschaften (auch wenn ein Großteil der Wirtschaftswissenschaftler sich nicht der Kategorie der "Sozialwissenschaft" zugehörig fühlt), die sich in spezifischen Fällen sehr deutlich zeigt, sollte nicht als eine einseitige "Beziehung" betrachtet werden. Das "ökonomische Denken" spiegelt nicht nur die Weltanschauung, die Wertvorstellung und die Ängste einer Zeit wider, sondern spielt auch bei deren Entstehung und deren Beeinflussung der Verhaltensweisen von Menschen sowie der Beeinflussung des Aufbaues von Institutionen eine wichtige Rolle. Das heißt, der Wirtschaftswissenschaftler wird bei der Entwicklung seiner Thesen von der Weltanschauung beeinflusst, die zu jenem Zeitpunkt die Gesellschaft dominiert und führt mit seinen sodann aufgestellten Thesen dazu, dass die Charakteristika, welche die Gesellschaft kennzeichnen, noch mehr verstärkt werden.

Diese Wirkung entsteht teilweise durch das Anwenden einer bestimmten Wirtschaftspolitik und weiters durch seinen Anteil, den der Wirtschaftswissenschaftler zur Selbstkenntnis und zur Selbstdefinition der Gesellschaft leistet.

In der heute weit verbreiteten Wirtschaftswissenschaft wird das Individuum in seinen Beziehungen in der Marktwirtschaft betrachtet, und auch die Wirtschaft wird als ein Geflecht angesehen, das aus diesen Beziehungen der Individuen besteht.

Hier wird die Wirtschaftswissenschaft auf den "Markt" reduziert und von der Gesamtheit der Gesellschaft als getrennt betrachtet. Der "Markt" ist bekanntlich der Ort, an dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Es spielt keine Rolle, welche Art von Menschen aufeinandertreffen. Weder deren sozialer Status noch deren religiöse und soziale Weltanschauungen und schon gar nicht die Sympathie oder Antipathie, die sie füreinander empfinden. Der Umtausch von Geld, Gütern und Dienstleistungen ist das einzige Kriterium, das eine Beziehung unter ihnen herstellt, das heißt, es geht nur darum was der eine hergibt, und der andere nimmt.

Das heißt, der Markt ist ein Ort, wo Menschen unabhängig von ihrer eigentlichen Identität und ohne Zwang von Institutionen und dergleichen, nur aufgrund ihrer eigenen freien Willensentscheidung aufeinandertreffen. Das einzige Ziel ist es, Nutzen aus dem Umtausch zu ziehen, und die Parteien halten ihre "marktwirtschaftlichen Beziehungen" nur solange aufrecht, solange ihnen diese einen "Profit" bescheren.

In unterschiedlichen Gesellschaften stößt man teilweise auf solche Beziehungen. Jedoch ist die freie Marktwirtschaft ein Charakteristikum einer freien Gesellschaft. Hier findet der ganze wirtschaftliche Prozeß unabhängig von externen Eingriffen und Kontrollen statt. Arbeit, Grund und Kapital werden vermehrt auf dem freien Markt ausgetauscht, und es ist der Markt, der nur mehr ihren Preis bestimmt. Faktoren wie gesellschaftliche Interessen und Prinzipien, kulturelle Normen, politische Vorbehalte, "wer darf etwas produzieren und wer darf dieses konsumieren, unter welchen Umständen werden Güter und Dienstleistungen hergestellt und verkauft scheinen immer mehr in den Hintergrund zu treten".

Die wirtschaftlichen Beziehungen entsprechen immer mehr den marktwirtschaftlichen Beziehungen und den Handlungen, die von den Individuen gesetzt werden, um ihren eigenen Profit zu maximieren.

Ob es in der Geschichte schon einmal eine Gesellschaft gegeben hat, welche die typischen Ausprägungen der heutigen "Konsumgesellschaft" gehabt hat, darüber kann man diskutieren. Aber die Zunahme an marktwirtschaftlichen Aktivitäten in Europa, am Ende des 18. Jahrhunderts sowie im 19. Jahrhundert, hat dazu geführt, daß man an eine universale Gültigkeit dieses Wirtschaftsmodells, nämlich der freien Marktwirtschaft, geglaubt hat. Im Verlauf der Wirtschaftsgeschichte kommt von vielen Wirtschaftswissenschaftlern daher auch immer wieder die Behauptung, daß diese Theorie universal angewandt werden kann. Die Profitmaximierung als Hauptursache für das menschliche Verhalten, sollte daher aus geschichtlicher Sicht analysiert werden, und zwar auch mit allen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien, die davon handeln. Aus dieser Sicht können wir zwei Theorien betrachten, die uns die Entfaltung der freien Marktwirtschaft im 18. Und 19. Jahrhundert näher erklären.

Die erste handelt davon, daß Entwicklung der Gesellschaften, objektiv, d.h. ohne Einfluß der Wertvorstellungen des Wissenschaftlers, rein aus naturwissenschaftlicher Sicht (Biologie, Physik, Chemie etc.) erklärt werden können. Diese Überzeugung beinhaltet einen Glauben an die effektive, nützliche Anwendbarkeit naturwissenschaftlicher Theorien und an ihre Anwendbarkeit in geisteswissenschaftlichen Bereichen. Der Glaube an das rationale Handeln der Individuen führt somit zur Überzeugung, daß auch die Wirtschaft mit „rationalen“ Methoden erklärt werden kann.

Hier ist es wichtig zu erwähnen, daß die Annahme des rationalen Handelns bei den Individuen, aus zwei verschiedenen Sichten betrachtet wird. Diese Annahme beruht nicht nur darauf, daß die Menschen nur auf Profitmaximierung aus sind, sondern auch darauf, daß sie wissen, wie sie vorgehen müssen, bzw. was sie tun müssen, um das Ziel der Profitmaximierung zu erreichen. Damit der Preismechanismus das Gleichgewicht wiederherstellen kann, und das System, ohne externe Eingriffe, die gewünschte Neuverteilung der Ressourcen vornehmen kann, müssen die individuellen Entscheidungen in einem Umfeld getroffen werden, in dem es bezüglich Zielen und Mitteln keine Unbekannten gibt.

Eine andere Analyse betrachtet die Charakteristika der Beziehungen in der idealen Form der freien Marktwirtschaft. In der idealen Form der freien Marktwirtschaft kommen die Teilnehmer am Markt, ohne jeglichen äußeren Einfluß, zusammen.

"Weder die soziale Lage noch die daraus resultierende wirtschaftliche Kaufkraft werden in Betracht gezogen. D. h., es handelt sich um ein System, das aufgrund von Angebot und Nachfrage auf dem Markt geregelt wird, ein freies und unabhängiges System , das sich im Gleichgewicht befindet. Es gibt in der idealen Form der marktwirtschaftlichen Theorie keine Interdependenzen, weder in Bezug auf Absicht noch in Bezug auf Macht und Stärke der Marktteilnehmer, die Bedürfnisse können unabhängig von diesen vollständig befriedigt werden. Subjektive, willkürliche Eingriffe werden ausgeschlossen. Das System reguliert sich immer wieder von selbst. Warum das Ziel der individuellen Profitmaximierung hervorgehoben und instrumentalisiert wird, scheint uns somit klar zu werden.".

"Die bisherige Aufwärtsentwicklung des Lebensstandards in den industrialisierten Ländern ist einem bestimmten Typus von Wirtschaft zu verdanken, der sich durch seinen Erfolg immer mehr verallgemeinert und in alle Lebensbereiche hinein wirkt. Gerade dieser Erfolg erzeugt heute eine eigen Dynamik und Sachzwänge, die von einzelnen kaum mehr beeinflußt werden können. Je stärker sich die Charakteristiken dieses Wirtschaftens in anderen Teilbereichen durchsetzen, desto problematischer werden ihre praktischen Auswirkungen. Ressourcenmangel, Energieprobleme, drohende ökologische Selbstzerstörung, neue Armut, Zweidrittelgesellschaft etc. sind hier nur einige Schlagworte. Diese Tendenzen erfordern es, die Rolle der Wirtschaft in der heutigen Gesellschaft neu zu überdenken. Für eine kritische Beurteilung gegenwärtiger ökonomischer Paradigmen ist vor allem der interdisziplinäre "Blick" von Bedeutung."’.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
2. Zum Begriff "Konsum" 10
2-1 Konsum als ein rein ökonomischer Begriff 14
2-2 Konsum als soziologischer Begriff 21
3. Zum Begriff "Konsument" 25
3-1 Konsument zwischen Lebenswelt und ökonomischem System 27
4. Theoretische Definitionen der Konsumfunktionen 29
4-1 Theoretische Definitionen vor Keynes 29
4-2 Keynesianischer Konsumbegriff 30
4-3 Definition relativen Einkommens von Dusenberry 31
4-4 Definition permanente Einkommens von Friedman 32
5. Konsum als sozio-ökonomisches Faktum 34
5-1 Konsumsoziologie 35
5-2 Konsumgesellschaft 38
5-2-1 Die Werte der Konsumgesellschaft 38
5-2-2 Der Wertekonflikt und seine Folge in der Türkei 40
5-3 Konsumkultur 44
5-3-1 Über den Kulturbegriff 45
5-3-2 Wirtschafts- und Konsumkultur 45
6. Die sozio-kulturelle Umwandlung und Veränderung der Konsumformen in der Türkei nach 1980 49
6-1 Charakteristikum der nach 1980 angewandten sozio-ökonomischen Politik 51
6-2 Konsumformen in den sozialen Klassen und ihre Eigenschaften 60
6-2-1 Zur Begriffe "Soziale Klasse" und "Lebensstil" 60
6-2-2 Die sozialen Klasse mit niedrigem und mittlerem Einkommen und ihr Lebensstil 63
6-2-2-1 Salon als Lebensstilelement 66
6-2-2-2 Konsum hinsichtlich Statussymbolen in der Mittel-und Unterschicht in bezug auf die Gestaltung des Salons 67
6-2-2-3 Die Rolle der Frau in Bezug auf demonstrativen Konsum von Luxusartikeln in der Türkei 72
6-2-3 Die soziale Klasse mit dem höheren Einkommen und ihr Lebensstil 78
7. Schlußbemerkungen 81
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis 84
Literaturverzeichnis 85
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