|
Zusammenfassung:
Im Laufe des Studiums entwickelte sich bei mir ein Interesse an den Zusammenhängen und Wechselwirkungen von ökonomischer und gesellschaftlicher Realität. Diese Zusammenhänge bzw. Widersprüchlichkeiten waren und sind in den konkreten Alltagszusammenhängen für die Menschen erleb- und begreifbar.
So wurde mir durch Günther Wallraffs Buch „Ganz Unten“ konkret der emotionale Anstoß zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Leiharbeit“ gegeben. Durch Zeitungsartikel und Gespräche mit bei Leiharbeitsfirmen beschäftigten Bekannten kamen weitere Motivationen hinzu, diesen Bereich der kapitalistischen Ökonomie näher zu untersuchen, in dem von Firmen Arbeitskräfte an Interessenten verliehen werden. Und dies geschah und geschieht zum Teil unter solch skandalösen Bedingungen, daß in der öffentlichen Diskussion die Schlagworte vom „modernen Sklaven- bzw. Menschenhandel“ aufzutauchen begannen. Diese zielen nicht nur auf den illegalen, sondern auch auf den legalen Sektor der Leiharbeitsbranche, dessen Umfang von jenem nach unterschiedlichen Schätzungen um das fünf- bis zehnfache übertroffen wird.
Somit entstand die zentrale Fragestellung der Diplomarbeit, welche Funktion die Leiharbeit im kapitalistischen System einnimmt, welchen Stellenwert sie in der Ökonomie als auch in der Gesellschaft hat, zumal sogar die illegale Leiharbeit von den staatlichen Verfolgungsbehörden zum Teil toleriert bzw. nur halbherzig verfolgt wird.
Als Ausgangsthese gehe ich davon aus, daß die Leiharbeit in Zukunft noch zunehmen, aber quantitativ keinen großen Sprung mehr machen wird.
In ihrer jetzigen Form sind einige Charakteristika enthalten, die die künftige Organisierung der Arbeitswelt aus der Sicht des Kapitals ausmachen sollen. Leiharbeit ist daher kein „systemfremdes“ Element der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Insofern kann die Analyse der Entwicklung von Leiharbeit Rückschlüsse auf die Entwicklung des kapitalistischen Arbeitssystems zulassen.
Daraus ergeben sich folgende Untersuchungsabschnitte und Schwerpunkte der Diplomarbeit:
- Definition und Abgrenzung von Leiharbeit (Kapitel 2).
- Chronologie und rechtliche Entwicklung von Leiharbeit in der BRD (Kapitel 3).
- Entwicklung des kapitalistischen Systems in der BRD (Kapitel 4).
- Umfang und Situation von Leiharbeit in der BRD (Kapitel 5).
- Auswirkungen von Leiharbeit auf Stammbelegschaften, LeiharbeiterInnen, Gewerkschaften und Gesellschaft (Kapitel 6).
- der Komplex der illegalen Leiharbeit, der quantitativ bestimmend und daher wichtig für das Thema der Diplomarbeit ist (Kapitel 7).
Am Schluß der Diplomarbeit stehen eine Zusammenfassung und die Wertung der einzelnen Kapitel.
Eine systematische, wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens „Leiharbeit“ fehlt bisher. Einzelne Aspekte wurden zwar genauer untersucht, doch auch aufgrund der unzureichenden Daten der Arbeitsämter ist eine umfassende Untersuchung des legalen Verleihs schwer zu bewerkstelligen, von dem illegalen Sektor ganz zu schweigen.
Zwei Begrifflichkeiten der Diplomarbeit habe ich im voraus zu klären. Zum einen verwende ich die weiblichen und männlichen Formen von Substantiven, soweit beide Geschlechter betroffen sind, indem ein Begriff jeweils mit beiden Endungen versehen wird (z. B. AusländerInnen). Dies beginnt sich innerhalb der Linken z. B. in der Berliner „tageszeitung“ seit einiger Zeit langsam durchzusetzen. Zum anderen setze ich den generalisierenden Begriff „ArbeiterInnen“ gegen den sozialpartnerschaftlichen Begriff „ArbeitnehmerInnen“, da letzterer das antagonistische Verhältnis von Kapital und Arbeit zu verschleiern versucht.
Zur Frage der „Objektivität“ in wissenschaftlichen Arbeiten, gerade auch im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich, kann ich nur feststellen, daß es diese so nicht gibt. Hinter jeder noch so „objektiven“ Analyse steht ein politischer Background, der soziale und/oder politische Tendenzen untermauert oder kritisiert. So ist denn diese Diplomarbeit ein Element der Kritiklinie, die sich gegen Leiharbeit an sich richtet. Vor diesem Hintergrund schließe ich mich folgendem Zitat an:
„Wissenschaftliches Arbeiten, das sich politisch versteht, kann sich nicht darauf beschränken, fertige und wie immer gesicherte Ergebnisse vorzulegen. Es vollzieht sich in Auseinandersetzungen, Debatten und Diskussionen, bleibt vorläufig und im Handgemenge“ (1).
Inhaltsverzeichnis:
|