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Personalarbeit als unterschätztes Handlungsfeld?

Fachkräftestrategien am Beispiel der optischen Industrie Thüringens

Autor/in Christoph Thieme
Art der Arbeit Diplomarbeit
Abgabe Oktober 2004
Seiten 148 Seiten, 607,4 KB
Hochschule / Bildungseinrichtung Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Deutschland
Note

Inhaltsangabe

Zusammenfassung:

Der Arbeitsmarkt in Deutschland wird häufig in einem sehr einseitigem Licht betrachtet und behandelt. Dem Heer von über vier Millionen Arbeitslosen gilt das wesentliche Bestreben politischer Initiativen. Dem gegenüber stehen Unternehmen, welche mit Verweis auf Anforderungen an Flexibilität, Leistungsbereitschaft und vor allem an entsprechende Qualifikationen verkünden, dass es trotz der vielen Arbeitslosen nicht möglich ist, eine Vielzahl von offenen Stellen bedarfsgerecht zu besetzen, in der breiten öffentlichen Wahrnehmung eher abseits. Diese andere Seite findet bestenfalls sporadisch, etwa in Gestalt der Debatte um Greencard Zuwanderung, Zugang zu medialer Aufmerksamkeit Diesem asymmetrischen Darstellungsverhältnis liegt neben der politischen Gemengelage jedoch eine dilemmatische Problemkonstellation zu Grunde: Die Konzentration auf das Problem der Arbeitslosigkeit verhindert vor allem in Ostdeutschland eine offene Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Transformationsprozesses auf das zukünftige Fachkräftepotential. Tatsache ist, dass die öffentliche Wahrnehmung und tatsächliche Struktur und Ursache des Problems nicht miteinander konform gehen.

Zentraler Gegenstand dieser Arbeit soll aber weder die Divergenz von Problemlagen und deren öffentliche Wahrnehmung sein, noch soll hier die öffentliche Polemik der arbeitsmarktrelevanten Akteure nachgezeichnet und bewertet werden. Ziel dieser Arbeit ist zunächst vielmehr, im Zusammenspiel der wichtigsten arbeitsmarktpolitischen Akteure die Rolle und Bedeutung des Personalwesens herauszustellen. In diesem Zusammenhang ist zuweilen von personellen Engpässen zu hören, die sich auf den ersten Blick schwer mit der Existenz von Massenarbeitslosigkeit vereinbaren lassen. Offensichtlich sind nur bestimmte Wirtschaftsbereiche sowie Personalgruppen von diesem Phänomen betroffen. Womöglich scheint es sich dabei auch um ein konjunkturelles Problem zu handeln, wonach sich entsprechend des vielzitierten „Schweinezyklus“ Überangebot und Mangel regelmäßig ablösen und entsprechend zyklisch auf der politischen und wissenschaftlichen Agenda stehen und thematisiert werden. Darüber hinaus scheinen aber auch einzelne Unternehmen von den Auswirkungen des angerissenen Zusammenhanges gefeit und reüssieren unabhängig von diesen exogenen konjunkturellen Einflüssen mit ihrer Personalstrategie. Ist das Problem der Unternehmen mit ihrer mitunter erratischen, herdentriebhaften, oftmals von einem ins andere Extrem schwankenden Personalpolitik, in der sich Entlassungswellen und Einstellungsschübe abwechseln, hausgemacht? Welche Unternehmen können sich besser als andere im „Kampf um die Talente“ durchsetzen? Durch welche Eigenschaften zeichnet sich eine solche erfolgreiche Personalarbeit aus? Inwiefern werden überhaupt strategische Komponenten bei der Personalarbeit berücksichtigt? Beschränkt sich das Engagement der Unternehmen nur auf bestimmte Segmente des Arbeitsmarktes? Diese Teilfragen sollen jedoch vor allem zur Beantwortung der zentralen Frage dieser Arbeit dienen, welche bereits im Titel anklingt: Inwieweit kann das personalwirtschaftliche Engagement der Unternehmen nicht nur die wirtschaftliche sondern auch die allgemeine Entwicklung eines Unternehmens beeinflussen. Wenn, wie hier der Fall forschungshypothetisch ein Defizit in personalwirtschaftlicher Hinsicht von vorn herein vermutet wird, kann diese Frage auch negativ formuliert werden: Wird die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen in Ostdeutschland auch oder vor allem auf personalwirtschaftlicher Ebene entschieden? Vor allem dieser Frage aber auch weiteren Fragen soll in dieser Arbeit sowohl in theoretischer als auch in empirischer Hinsicht nachgegangen werden.

Hierzu muss der Gegenstand >Personalwirtschaft< umfassend beleuchtet werden. Neben der hier zentralen pragmatisch-normativen Perspektive des Personalmanagements wird außerdem die wirtschaftstheoretische Sichtweise der Personalökonomie vorgestellt, sowie die sozialwissenschaftliche Orientierung geschildert. Über diese theoretischen Betrachtungen hinaus soll dem forschungsleitenden Interesse in dieser Arbeit jedoch auch empirisch nachgegangen werden.

Die optische Industrie in Thüringen hat sich zu einem wichtigen Wachstumskern entwickelt. Mit einem überdurchschnittlichen und kräftigen Wachstum seit der Wende zählt sie zu den wenigen erfolgsverwöhnten Branchen in Ostdeutschland. Doch dieser wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte droht womöglich Gefahr von unerwarteter Seite. Angesichts einer zeitweise komfortablen Situation auf den Arbeitsmärkten und einer fehlenden personalwirtschaftlichen Tradition wurde der Aspekt der personalwirtschaftlichen Arbeit im Betrieb mitunter flächendeckend vernachlässigt Dieses Versäumnis könnte sich mittel- bis langfristig als verhängnisvoll für die aufstrebende Branche erweisen. Die Qualität der Personalwirtschaft könnte angesichts der demografischen Sondersituation in Ostdeutschland über Wohl und Wehe der Unternehmen entscheiden.

Von dieser wirtschaftlichen Ausgangssituation und dem theoretischen Rahmengerüst ausgehend wird eine Typologie ausgearbeitet, welche eine empirische Identifizierung typischer personalwirtschaftlicher Muster am Beispiel der optischen Industrie in Thüringen ermöglichen soll. Hieraus werden Perspektiven bzw. Zukunftsszenarien abgeleitet. Es werden jedoch auch konkrete Handlungsaufforderungen für die einzelnen Typen, zunächst für die manageriale Sichtweise, formuliert.

Auf der Grundlage dieser umfassenden wenngleich möglicherweise nicht vollständigen Bestandsaufnahme und Klassifikation von Personalstrategien wird durch eine Erweiterung der Perspektive gefragt, ob über die spezifischen Vor- und Nachteile hinaus weitere zentrale bzw. übergreifende Ursachenzusammenhänge, die über die übliche und zumeist wenig ergiebige Standortdiskussion hinausgehen, außerhalb der betriebswirtschaftlichen Ebene identifiziert werden können.

Diese Arbeit soll ausgehend von der betriebswirtschaftlichen Perspektive typische Problemlagen in der Personalarbeit hauptsächlich klein- und mittelständischer Unternehmen identifizieren. Zur Erarbeitung von „Lösungs-“ Ansätzen soll diese mitunter recht eindimensionale betriebswirtschaftliche Sichtweise jedoch auch verlassen werden, um den Zusammenhang in einen komplexeren Kontext heben zu können.

Hauptleistung dieser Arbeit ist die Erarbeitung einer personalstrategischen Typologie anhand der vielfältigen Literatur und deren Anwendung auf eine regionale Wirtschaftsbranche, die optische Industrie in Thüringen. Ergebnis dieser zunächst theoretischen Analyse und der darauf aufbauenden hypothesengeleiteten Untersuchung sollen typenbezogene Szenarien sein, auf denen Handlungs- und Strategieansätze fußen. Die Klärung der Teilfragen wird abschließend zur Beantwortung des bereits im Titel dieser Arbeit formulierten Zusammenhanges von personalpolitischer Kompetenz und Strategiefähigkeit sowie wirtschaftlicher Zukunftsfähigkeit zusammengeführt. Entsprechend der über den betriebswirtschaftlichen Horizont hinausgehenden Perspektive will sich diese Arbeit aber auch an weitere wichtige arbeitsmarktrelevante Akteure mit möglichen Handlungsansätzen wenden.

Inhaltsverzeichnis:

0. Gliederung 4
1. Einleitung 7
2. Personalwesen 11
2.1 Personalmanagement 13
2.1.1 Zwischen Individualität und Arbeitskraft - Historischer Abriss zu personalwirtschaftlichen Entwicklungslinien in Deutschland 15
2.1.2 Deterministischer Ansatz vs. voluntaristischer Ansatz 17
2.1.3 Vom traditionellen Strategieverständnis zur Strategie der Humanressourcen 20
2.2 Personalpolitik - Die „andere“ Sicht auf die Dinge? 27
2.2.1 Ausgangspunkt: Der Gegenstand der betrieblichen Personalpolitik 27
2.2.2 Beschreibung der Organisationsleistungen 32
2.2.3 Beschreibung der Maßnahmen und Instrumente 36
2.3 Ökonomische Perspektive 53
2.3.1 Arbeitsangebot 53
2.3.2 Arbeitsnachfrage 55
2.3.3 Mismatch und Marktversagen 57
2.4 Sonderfall Ostdeutschland? - Personalarbeit im Transformationsprozess 60
2.4.1 Personalarbeit in der DDR: Hypothek und Basis 61
2.4.2 Wandel der Personalfunktion von dem Hintergrund der Transformation 63
2.4.3 Implikationen des Transformationsprozesses auf Belegschaftsstruktur und Personalstrategien ostdeutscher Unternehmen 65
2.4.4 Quo Vadis Personalpolitik? - Normalisierung vs. Ausnahmezustand 67
2.4.5 Fachkräftemangel!? - Konturen der Fachkräftesituation im Licht empirischer Befunde 68
2.4.6 Fachkräftestrategien der Unternehmen als Gegenstand empirischer Untersuchungen 71
2.5 Entwicklung der optischen Industrie Deutschlands unter Berücksichtigung der Personalsituation 72
2.5.1 Historische Entwicklung 73
2.5.2 Spezifik der Personalstruktur - Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes Optische Industrie in Thüringen 80
3. Von der Theorie zur Empirie - Methodische Vorarbeit 83
3.1 Eine Typologie zur Bestimmung der Fachkräftesituation 83
3.1.1 Dimension >Außenwahrnehmung< 83
3.1.2 Dimension >Personalkompetenz< 84
3.2 Demografischer Hintergrund 85
3.3 Vorstellung der Hypothesen 87
4. Empirie - Hypothesengeleitete Untersuchung 91
4.1 Vorstellung des Projekthintergrundes 91
4.2 Facharbeiter und Akademiker als knappe Ressource 92
4.3 Operationalisierung der Typologie 93
4.3.1 Dimension >Außenwahrnehmung< 93
4.3.2 Operationalisierung der Dimension >Personalkompetenz< 96
4.4 Struktur der Typologie 103
4.4.1 Personalarbeit und Wirtschaftliche Situation - Nur die Großen sind aktiv und erfolgreich 105
4.4.2 Personalarbeit und Qualifikationsstruktur - Vernachlässigung der Facharbeiterbasis 111
4.4.3 Beschäftigungsentwicklung / Alterstruktur 119
5. Resümee 133
6. Literaturverzeichnis 139
7. Anhang 145
7.1 Verzeichnis der Abbildungen 145
7.2 Verzeichnis der Tabellen 146
7.3 Verzeichnis der Übersichten 146
7.4 Erklärung und Vermerk 147
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