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Abwertung notleidender Menschen durch offensive Spendenanzeigen?

Eine experimentelle Internetstudie

Autor/in Benjamin Jonas
Art der Arbeit Diplomarbeit
Abgabe April 2005
Seiten 152 Seiten, 7,9 MB
Hochschule / Bildungseinrichtung Georg-August-Universität Göttingen Deutschland
Note

Inhaltsangabe

Einleitung:

Um sich auf einem immer härter umkämpften Spendenmarkt zu behaupten und möglichst viele Spendengelder akquirieren zu können, greifen karitative Organisationen immer wieder auf Techniken zurück, welche die Notlage der Hilfe empfangenden Personen stark akzentuieren. Verschiedenen Autoren zufolge kann derart formulierte Spendenwerbung neben den angestrebten Effekten jedoch die Abwertung der Hilfebedürftigen und der karitativen Organisation und somit eine geringere Spendenbereitschaft bewirken.

Diese negativen Wirkungen offensiver Spendenwerbung werden in der vorliegenden Arbeit zum einen mit dem differenziellen Merkmal des Gerechte-Welt-Glaubens nach Lerner bzw. mit der von Maes abgeleiteten Variante des Glaubens an immanente Gerechtigkeit erklärt. Ihren Annahmen folgend, wird der Glaube, in einer gerechten Welt zu leben, insbesondere durch Spendenwerbung in Frage gestellt, welche die Notlage der Hilfeempfänger sehr stark hervorhebt und damit Ungerechtigkeit impliziert. Um ihren Gerechte-Welt-Glauben zu bewahren, attribuieren sie die Notlage auf Eigenschaften und Verhaltensweisen der Hilfeempfänger, spielen deren negative Situation herunter und werten sie ab. Hieraus folgt eine geringere Absicht zu einer karitativen Spende.

Daneben wird die Abwertung der Hilfeempfangenden mit Brehms Theorie der psychologischen Reaktanz begründet. Hier wird erwartet, dass sich Werberezipienten aufgrund der offensiven Anzeigenformulierung (verbaler Spendenappell und visuelle Gestaltung) zu einer Spende gedrängt und in ihren individuellen Freiheiten bedroht ansehen und die karitative Organisation im Sinne eines Bumerangeffekts ebenso abwerten wie die Hilfeempfänger. Neben diesem allgemeinpsychologisch zu betrachtenden Phänomen werden zudem reaktanzverstärkende Person-mal-Situations-Interaktionen zwischen der Anzeigengestaltung und Werthaltungen erwartet, die sich im Wertekreis nach Schwartz durch die Präferenz von Freiheit gegenüber Sicherheit auszeichnen.

Diese theoretischen Annahmen werden in ein Pfadmodell formuliert und anhand einer experimentellen Online-Befragung (N=419-530) im 2x2-Design überprüft. Die Befunde deuten vor allem auf eine Bestätigung der allgemeinpsychologischen Reaktanzeffekte hin: Eine notlagenakzentuierende Spendenwerbung bewirkt, dass sich die Rezipienten durch diese in ihren individuellen Freiheiten bedroht fühlen und sowohl die karitative Organisation als auch die Hilfeempfänger abwerten. Eine geringere Spendenbereitschaft ist die Folge. Interaktionale Wirkungen der Spendenwerbung mit den persönlichen Werthaltungen bleiben aus; die mit dem Glauben an immanente Gerechtigkeit assoziierten Abwertungseffekte können nur anhand von Haupteffekten nachgewiesen werden.

Neben ihren maliziösen Wirkungen führt notlagenakzentuierende Werbung darüber hinaus zu einer verstärkten Wahrnehmung der Notlage. Diese ist mit einer vermehrten Spendenabsicht verknüpft. Offensive Werbung für karitative Zwecke hat somit sowohl unterstützenden als auch hemmenden Einfluss auf Spendenverhalten; Personen, die den Aufruf zu karitativem Handeln wahrnehmen, reagieren auf paradoxe Weise: Im Sinne eines Appetenz-Aversions-Konfliktes erkennen sie die gravierende Not der Benachteiligten und sehen sich angesprochen zu spenden. Andererseits werden die Spendenwerbung und die abgebildeten Personen als aufdringlich und drängend empfunden und folglich abgewertet.

Trotz der aufgezeigten positiven Einflüsse deuten die Befunde eindeutig auf die Gefahren derart gestalteter Spendenwerbung hin. Am Ende der Arbeit werden vor dem Hintergrund der vorliegenden Daten insbesondere methodische und anwendungspraktische Aspekte diskutiert, um eine bessere Untersuchung der Thematik und demzufolge eine Werbemitteloptimierung zu erreichen.

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis I
Tabellenverzeichnis IV
1. Einleitung 1
1.1 Eindringliche Spendenwerbung als Erfolgsfaktor? Ein basales Wirkmodell für karitative Werbung 1
1.2 Die Fragestellung: Gegeneffekte offensiver Spendenwerbung 9
2. Abwertung der Hilfeempfangenden: Erklärungsansätze 12
2.1 Glaube an eine gerechte Welt 14
2.1.1 Glaube an eine ultimativ gerechte Welt 18
2.1.2 Glaube an eine immanent gerechte Welt 23
2.1.3 Herleitung des GWG-Effektmodells 26
2.2. Psychologische Reaktanz 29
2.2.1 Herleitung eines allgemeinpsychologischen Reaktanz-Modells 31
2.2.2 Berücksichtigung der persönlichen Werthaltungen im Modell 33
2.3 Herleitung des integrativen Modells 35
3. Methodik 39
3.1 Ziele und Design 39
3.2 Operationalisierung der Variablen 41
3.2.1 Stimulusmaterial 42
3.2.2 Werthaltungen 45
3.2.3 Glaube an immanent und ultimativ gerechte Welt 46
3.2.4 Relativierung der Notlage 48
3.2.5 Vorwurf der Selbstverschuldung 49
3.2.6 Empfundene Freiheitsbedrohung 50
3.2.7 Einstellung zur karitativen Organisation und zu den Hilfeempfängern 52
3.2.8 Spendenabsicht 54
3.3 Implementierung der Items im Fragebogen 55
3.3 Untersuchungsdurchführung und Beschreibung der Teilnehmenden 57
4. Ergebnisse 63
4.1 Ergebnisse zur psychologischen Reaktanz 63
4.1.1 Effekte der Einstellungsvariablen auf die Spendenabsicht 64
4.1.2 Effekte der Notlagenakzentuierung durch die Anzeige auf die empfundene Freiheitsbedrohung 67
4.1.3 Integration 70
4.2 Integration des Modells des Gerechte-Welt-Glaubens 72
4.2.1 Effekte der Notlagenrelativierung, des Selbstverschuldungsvorwurfs und der Einstellung gegenüber den Hilfeempfangenden auf die Spendenbereitschaft 72
4.2.2 Effekte des Glaubens an immanente Gerechtigkeit 76
4.2.3 Integration zum gesamten GWG-Effektmodell 80
4.3 Zusammenführung beider Effektmodelle und Integration der persönlichen Werthaltungen 82
4.3.1 Zusammenführung des Reaktanz- und GWG-Modells 82
4.3.2 Integration der persönlichen Werthaltungen 84
5. Diskussion 89
5.1 Diskussion der Methodik 89
5.1.1 Validität des Untersuchungsinstruments 89
5.1.2 Durchführungsmodalitäten 91
5.2 Diskussion der Befunde 92
5.2.1 Auswirkungen der Notlagenakzentuierung auf psychologische Reaktanz 92
5.2.2 Erklärender Einfluss des Glaubens an immanente Gerechtigkeit 94
5.2.3 Einfluss persönlicher Werthaltungen 98
5.2.4 Bewertung des Gesamtmodells 01
5.3 Nützlichkeit der Befunde 102
Zusammenfassung 105
Literatur 107
Anhang 116
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