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Zusammenfassung:
Fairer Handel...und viele Fragen:
Keine Frage, der Faire Handel wird gesellschaftsfähig...was aber verbirgt sich hinter dem Begriff und ist der „faire Handel“ wirklich so fair, wie es die Darstellungen der Organisationen vermuten lassen? Was bedeutet Fairer Handel für die Produzenten und welchen Schwierigkeiten sehen sich diese gegenüber auf ihrem Weg in den Fairen Handel? Kann der Faire Handel tatsächlich als Alternative zur bislang propagierten marktwirtschaftlichen Entwicklung dienen und den Balanceakt zwischen einer Öffnung für die Weltwirtschaft einerseits und gleichzeitiger Wahrung kultureller Identitäten und Traditionen andererseits leisten?
Die Verwendung der Begrifflichkeit des „fairen Handelns“ weist in den vergangenen Jahren eine nahezu inflationäre Zunahme auf, „fair“ scheint zum Modewort geworden (und das nicht erst seit der Weltmeisterschaft) und in Funk und Fernsehen bewerben immer mehr Prominente die „faire Alternative“. Viele Städte haben ihren „fairen Kaffee/ Stadtkaffee“, Universitäten und Ämter trinken „fair“...
Die Suche nach Materialien und Literatur zum Fairen Handel verdeutlichte, dass dieser zwar in den Medien immer präsenter und gesellschaftlich immer populärer wird, die wissenschaftlichen Veröffentlichungen oder unabhängige Forschungen und Publikationen sich jedoch auf kaum ein Dutzend Werke beschränken, die überwiegend bereits in den 1990er Jahren verfasst wurden. Aktuelle Hintergrundinformationen oder übersichtliche Darstellungen sind außerhalb der Darstellungen der beteiligten Organisationen (wie TransFair oder gepa in Deutschland) nicht zu finden. Auch wenn noch Umsatz- und Absatzdaten für die Waren in Deutschland vorliegen, so fehlt es schließlich gänzlich an Literatur zu den Produzenten selbst, die über das Marketing der beteiligten Firmen hinausgehen.
Um Antworten auf die vielen offenen Fragen zu finden, habe ich meine Abschlußarbeit anhand der folgenden Forschungsschwerpunkte konzipiert:
1. Die Theorie eines alternaiven Handelskonzeptes: Fairer Handel- Was ist das eigentlich?
- Der Versuch einer allgemein Definition des Fairen Handels: welchen Zielen und Ansprüchen will dieser gerecht werden und was für Grundgedanken liegen ihnen zugrunde?
- Nach welchen Statuten und Richtlinien arbeiten die Beteiligten der fairen Märkte und wie angemessen sind diese in Bezug auf die Produzenten?
- Spurensuche: Aus welchen Wurzeln entstand der Faire Handel und welchen Ausdruck finden diese heute? Wie viel Einfluss haben die Produzenten selbst auf die Entwicklung der „gerechten Alternative“?
- Strukturen und Akteure des „fairen Systems“: Von Deutschland über Europa bis hin zu globalen Netzwerken.
2. Praktische Anwendung 1: Die Kaffeekrise als Sinnbild der Lage der kleinbäuerlichen Produktion weltweit.
- Kaffee auf dem Weltmarkt, seine Bedeutung für 100 Millionen Produzenten weltweit und seine Auswirkungen deren auf soziale, ökologische und ökonomische Lebensumstände.
- Alternativ gehandelte Kaffees als Ausweg aus der Krise? Zu den Chancen und Schwierigkeiten einer biologischen und fairen Kaffeeproduktion.
- Kaffee in Mexiko: Was bedeutet der Kaffeeanbau und -handel für die Entwicklung und den Erhalt der indigenen Gemeinden?
3. Praktische Anwendung 2: Bei den betroffenen Produzenten in Mexiko.
- Yeni Navan: Welche Erfahrungen machten die Produzenten selbst in den vergangenen Jahren mit dem Fairen Handel?
- San Antonio El Grande: Produzenten auf dem Weg zur alternativen Produkion: Stolpersteine, Chancen und Schwierigkeiten in der Organisationsentwicklung
- Kommunikation und Wissensvermittlung im Rahmen des Fairen Handels: wie „fair“ ist der Faire Handel für die Produzenten?
- Kann der Faire Handel tatsächlich dazu beitragen, kulturelles Gut zu wahren, Sozialstrukturen zu erhalten und gleichzeitig eine marktwirtschaftliche Entwicklung ermöglichen?
Für die Diskussion der Situation der Produzenten war es meiner Meinung nach unabdingbar, einen eigenen Einblick in die Lebenswelt der Produzenten zur Grundlage zu haben und diesbezüglich eine weitestgehend literatur-unabhängige Sicht zu erarbeiten. Ich habe daher für Forschungen bei den Kaffeeproduzenten einen Kontakt zur „Universidad Autónoma de Hidalgo“ in Pachuca, Mexiko aufgebaut, an der die Professoren Dr. López Pérez und Dr. Raesfeld mit kaffeeproduzierende Kleinbauern (Otomí-Indianer in San Antonio, Hidalgo), ein Projekt entwickelt haben, im Rahmen dessen die Produzenten darin begleitet werden, ihren Kaffee Schritt für Schritt ökologisch zu produzieren und an den Fairen Handel zu verkaufen. Diese Forschungen in Mexiko fanden im Oktober/ November 2005 statt und wurden durch den DAAD gefördert.
Vor Ort bin ich insbesondere der Frage nachgegangen, wie sich die Krise des Kaffeesektors real auf die Bauern auswirkt und wie angemessen der Faire Handel auf die Bedürfnisse der Kaffeeproduzenten reagiert und deren vorhandenes Wissen nutzt und respektiert. Die Erforschung der Aspekte „Bildung/ Wissen“ und „Kommunikation“ innerhalb der Kooperative und des Fairen Handels sollte ermitteln, ob und in welchem Maße Produzenten einen Einfluss haben auf die Entwicklung der fairen Handelspartnerschaften (und wie partnerschaftlich diese sind), wieweit ihr Wissen und Traditionen integriert und geachtet werden und welche (sozialen, ökologischen und ökonomischen) Probleme sich in den Kooperativen ergeben.
Die Untersuchung der Rolle der schulischen und traditionellen Bildung sollte ermöglichen, diesbezügliche Defizite und Kompetenzen herauszustellen, welche die Kleinbauern und ihre Dörfer in ihrer Entwicklung unterstützen oder behindern.
Fairer Handel... und viele Ergebnisse:
Zu 1.:
Die Frage danach, was unter Fairem Handel zu verstehen ist, habe ich mittels umfangreicher Literatur- und Internetrecherche zu beantworten versucht. Dabei wurde deutlich, dass bis heute keine einheitlichen, rechtlich geschützten Definitionen dessen, was als „fair“ zu bezeichnen und zu handeln ist existieren.
Die Entstehungsgeschichte des Fairen Handels hat gezeigt, dass dieser aus der Bewegung der so genannten Alternativen Handelsorganisationen (wie zum Beispiel die christlich motivierten Weltläden) hervorgegangen ist, und heute mit dieser den Markt der alternativ gehandelten Waren bestimmt. Auch lässt sich aus seiner Geschichte die Struktur, das Selbstverständnis und die Regelwerke des aktuellen Fairen Handels ableiten.
Den Aufbau der „fairen Gesellschaft“ habe ich auf deutscher, europäischer und internationaler Ebene nachgezeichnet und deren Verbände und ihre Funktionen und Verknüpfungen dargestellt. Hier wurde unter anderem deutlich, dass auch die alternativen Märkte überwiegend den Gesetzen der Importeure in den Industriestaaten gehorchen und den Produzenten wenig Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten außerhalb ihrer Kooperativen bleiben.
Zu 2.:
Das Produktbeispiel „Kaffee“ ermöglicht einen eingehenden Vergleich konventioneller und alternativer Handelswege. Die Betrachtung der Entwicklung der Kaffeesituation hat gezeigt, dass die extremen Niedrigpreise der vergangenen Jahre weltweit zu sozialen, ökologischen und ökonomischen Krisen geführt haben. Es wurde deutlich, dass sich heute die Mehrheit der 100 Millionen Produzenten eine medizinische Versorgung ebenso wenig leisten können, wie den Schulbesuch ihrer Kinder oder soziale Vorsorge. Die arbeitsfähige Bevölkerung der Kaffeegebiete migriert in städtische Ballungsgebiete, Sozialstrukturen zerfallen und traditionelle umweltschonende Anbautechniken weichen Monokulturen, mit erheblichen Schäden für die Umwelt.
Biologische, faire und andere alternative Produktionsmethoden haben sich hier im vergangenen Jahrzehnt für mehrere hunderttausend Kaffeeproduzenten als Ausweg aus der existentiellen Krise erwiesen, so sie in entsprechende Märkte eingebunden werden konnten, und allein die Nähe zu entsprechend arbeitenden Kooperativen erwies sich als positiv für die Situation der Kleinbauern. Produzenten fair gehandelter Kaffees gelang es oftmals, autochthone Anbaupraktiken zu erhalten, kulturelles Gut neu zu beleben und gleichzeitig eine Verbesserung ihrer ökonomischen Situation zu erreichen.
Zu 3.:
Konkrete Erfahrungen zu den Auswirkungen des Kaffeepreisverfalls lieferte der Aufenthalt in Mexiko, im Rahmen dessen ich durch Mitarbeit, Beobachtungen und Interviews wertvolle Einsichten in die Situation der indigenen Kaffeebauern gewinnen konnte. An der Universität von Pachuca konnte ich außerdem umfassende theoretische Hintergrundinformationen (wie zum Beispiel zur Dorfentwicklung oder den mexikanischen Sozialstrukturen) erarbeiten, die von Deutschland aus kaum zugänglich sind.
Durch die mehrwöchigen Mitarbeit im Dorf wurde deutlich, dass die extrem niedrigen Kaffeepreise der vergangenen Jahre auch in den indigenen mexikanischen Gemeinden dazu geführt haben, dass die sozialen Strukturen des Dorfes zerbrechen: auch hier sind die Kaffeeproduzenten dazu gezwungen, in die städtischen Ballungsgebiete oder die Vereinigten Staaten auszuwandern, um ihre Familien zu versorgen. Junge Menschen sehen keine Zukunft mehr in den marginalisierten Gebieten und überlieferte Techniken, (Sozial-) Strukturen und Traditionen verlieren sich gleichzeitig mit der Wertschätzung der natürlichen Ressourcen, die keine Überlebensmöglichkeiten mehr bieten.
Es zeigte sich hier auch besonders deutlich, wie eng ökologische, ökonomische und soziale Entwicklung miteinander verknüpft sind: mit der Aufgabe der autochthonen Landbaupraktiken durch die Migration der Produzenten in die Städte geht auch die Biodiversität der Regionen zurück, wenn die Kaffee- Waldwirtschaft industrieller Monokultur weicht. Als Folgeerscheinung kommt es so unter anderem zu einem Rückgang der Regenfälle, zu Erdrutschen der Felder durch Auswaschungen und, auf der sozialen Ebene, zur Trennung von traditionellen Gebräuchen und Wissen sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch.
Der Faire Handel (in Kombination mit ökologischer Produktion) soll aus dem Dilemma der Kleinproduzenten einen Ausweg bieten, doch sind die Anforderungen (wie Verbandsrichtlinien oder Siegelvorgaben) der westlichen Initiativen tatsächlich angemessen an die Bedürfnisse der Produzenten oder stellen sie nur eine neue Spielart des Ökoimperialismus dar?
In der Zusammenarbeit mit den Kaffeebauern wurde deutlich, dass die spezifischen Anforderungen an „faire“ oder „ökologische“ Produzenten dringend auf ihre Situation übersetzt werden müssen, um eine wirklich nachhaltige und langfristige Entwicklung zu ermöglichen, die nicht an den Betroffenen vorbei geht, sondern deren Wissensschatz integriert und respektiert.
Die Beobachtung der aktuellen Situation verdeutlichte auch, dass insbesondere die im Dorf verbliebenen älteren Frauen über ein reiches Wissen über den Naturraum und seine ideale Nutzung verfügen, dieses jedoch aufgrund ihrer schwachen sozialen Position und mangelndem schulischen Wissens kaum einbringen können, so dass es zunehmend verloren geht.
Der Besuch der Kooperative Yeni Navan in Oaxaca (in der sich cirka 1000 Produzenten organisieren), welche seit fünfzehn Jahren im Fairen Handel tätig ist, ermöglichte eine Retrospektive auf die Entwicklung der Handelspartnerschaften in den vergangenen Jahren und eine Einsicht in die tatsächlichen Erfolge und Schwierigkeiten des Fairen Handels.
Es war festzustellen, dass die Mitglieder der Kooperative durchschnittlich über eine erheblich bessere Schulbildung verfügen, da ihre Kinder regelmäßiger sie Schulen besuchen können. Auch die Sozialstruktur der Dörfer konnte weitestgehend erhalten und zum Teil, ebenso wie die Praxis kultureller Traditionen, neu gestärkt werden, da die stabilen Preise des Fairen Handels ausreichende Einkommen durch den Kaffeeanbau ermöglichten und es so kaum zu Migrationsfällen gekommen ist.
In der Zusammenarbeit mit den Importorganisationen konnte von der Kooperative eine an die Bedürfnisse der Produzenten angepasste ökologische Landwirtschaft entwickelt werden, die erheblich zum Schutz des Naturraums beigetragen hat.
Es zeigte sich insgesamt jedoch auch, dass Fairer Handel allein kaum sämtliche Probleme der Produzenten lösen kann. Erst in Kombination mit weiteren unterstützenden Programmen von NGOs oder Regierungen kann die schlechte Situation der Kleinbauern wirklich langfristig verbessert werden. Auch fehlen dem Fairen Handel Absatzmöglichkeiten (es wird erheblich mehr „fair“ produziert als konsumiert), seine Strukturen können nicht als wirklich demokratisch beschrieben werden, da den Produzenten Stimmrechte fehlen und die bisher geringe Auswahl fairer Produkte beschränkt die notwendige Diversifikation des Anbaus.
Als Fazit konnte festgehalten werden, dass der Faire Handel eine durchaus positive Alternative zum konventionellen Welthandel darstellt und den Produzenten tatsächlich Entwicklungschancen bietet. Gleichzeitig gilt es, das faire System genauer zu definieren und Aspekte wie Kommunikation und Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten, produzentenorientierte Weiterbildung und Schulung weiter zu entwickeln. Ebenso erweist sich die Aufnahme neuer Produkte in die Standards der Siegelinitiativen als notwendig.
Der Faire Handel sollte dringend von seiner traditionellen Nord-Süd-Ausrichtung Abstand nehmen und vielmehr die jeweiligen nationalen Märkte und Strukturen fördern, wenn er tatsächlich zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen möchte. Dies ist sowohl in den „Entwicklungsländern“, wie auch in den „entwickelten“ Staaten dringend notwendig, da die Produzenten weltweit vom Wertverfall der Agrarprodukte und dem Verlust der Wertschätzung natürlicher Ressourcen und Traditionen gegenüber sehen.
Tatsächlich haben sich überliefertes Wissen, Achtung und Kultur in den weniger „entwickelten“ Staaten bis heute oftmals besser erhalten als in den Industrienationen, was als wertvolles Gut einer globalen Kultur erhalten bleiben sollte und dabei helfen kann, eigene Wurzeln wieder zu erfahren.
Inhaltsverzeichnis:
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